„Das ,goldene Herz’ schlägt nicht mehr“
Vor 50 Jahren verstarb der Automobilfabrikant und Landmaschinenhersteller Hans Glas

Von Jürgen A. Kraxenberger

Dingolfing. „Das ,goldene Herz Dingolfings’ schlägt nicht mehr“, so lautete die Überschrift des großen Artikels des Dingolfinger Anzeigers am Montag, 15. Dezember 1969, über die Todesnachricht von Hans Glas. Auch berichtete damals die ARD-Tagesschau vom Ableben des niederbayerischen Industriellen Hans Glas. Von Jürgen A. Kraxenberger Am Samstagabend, den 13. Dezember 1969, also vor genau 50 Jahren verstarb schnell und unerwartet Hans Glas in seinem Haus in der Waldesruh in Dingolfing, in Folge einer schweren Grippeerkrankung. Hier verbrachte er auch still und zurückgezogen seinen Lebensabend, nachdem sein Lebenswerk, die ehemalige Hans Glas GmbH, an die Bayerischen Motoren Werke AG am 2. Januar 1967 verkauft wurde. Hans Glas kam als elftes von 18 Kindern in Pilsting am 12. Juni 1890 zur Welt. Seine Eltern waren Andreas und Elisabeth Glas, geborene von Finster. Von den 18 Kindern verstarben allerdings schon 13 kurz nach der Geburt oder im Kindesalter. Über Berlin nach Kanada Nach schulischer Ausbildung erlernte Glas das Maschinenbauerhandwerk in der väterlichen Werkstätte in der Neuhauser Straße in Pilsting. Sein beruflicher Lebensweg führte ihn weiter nach Berlin, wo er bei der Massey-Harris Comp. als Verkäufer im Außendienst tätig war, von hier wechselte der 20-Jährige ins Stammhaus der Massey-Harris-Comp. in Toronto/Kanada. 1914, mit 24 Jahren überraschte Hans Glas dort der Erste Weltkrieg und es gelang ihm, in die zunächst noch neutralen USA zu fliehen. Hier fand er unter anderem eine Anstellung bei der weltberühmten Landmaschinenfirma Mc Cormick Comp., als kaufmännischer Angestellter bei der Ford-Motor Comp. sowie später als Produktionsmanager bei der Indian Motor Cycle Comp., bis ihn sein Weg nach Kriegsende im Jahr 1920 wieder in das heimatliche Dingolfing führte.Hier sah Hans Glas, dass die Spuren des Krieges nicht spurlos am Unternehmen seines Vaters vorübergegangen waren.

Die einst blühende Landmaschinenfabrik wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und ging in den Besitz eines saarländischen Konzerns über. Nach dem Rückzug seines Vaters aus dem Geschäft konnte Hans Glas nach und nach alle Anteile der AG wieder zurückkaufen. Um dies erreichen zu können, war dies eine schwere Zeit harter Entbehrungen und sparsamster Betriebsführung. Doch schon 1938 konnte die 100 000. Isaria-Sämaschine hergestellt werden und Glas war damals größter Sämaschinenhersteller Europas. Der Einbruch Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg und dem Abtreten müssen der deutschen Ostgebiete an Russland und Polen, welche mal die Kornkammer Deutschlands im Wesentlichen bildeten, brach der Hauptumsatzträger – der Sämaschinenabsatz – spürbar ein. Man fand eine Lösung, indem man den Motorfahrzeugbau aufnahm, zuerst mit dem Goggo-Motorroller ab Juli 1951 und ab 1955 mit dem Goggomobil, was zeitweise in den 1950er der meistverkaufte Kleinstwagen in der bis 500 ccm³-Hubraumklasse war. Über 280 000 Stück davon verließen die Dingolfinger Werkshallen. Es folgten weitere Automobile, wie Isar, 04, Glas GT und 1700 Limousine sowie das Flaggschiff der im Volksmund als „Glaserati“ bezeichnete Glas 2600 V8 beziehungsweise später als Glas/BMW 3000 V8. Der Rückblick auf Hans Glas zeigt uns, dies war ein herausragender Unternehmer und eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Er war ein Wohltäter, der nie seine Wurzeln vergaß und sich durch seine soziale Einstellung nicht nur bei seinen Mitarbeitern, sondern sich auch für das Allgemeinwohl mehr als verdient gemacht hatte. Er unterstützte zahlreiche soziale Institutionen oder auch zum Beispiel die Stadt Dingolfing beim Bau des Isar-Wald-Stadions und Schulen sowie auch Privatpersonen. Nur für den Bau der Realschule blätterte er 250 000 DM auf den Tisch der Stadt Dingolfing.
Hans Glas hatte immer einen Witz auf Lager oder entgegnete oft schlagkräftig, schnell und treffend dem Gesprächspartner. Bescheiden geblieben Nach einer schweren Operation, die siebte in seinem Leben, reagierte er auf die vielen Feststellungen, er sehe wieder gut aus,
auf seine Art: „Ich bin auch nicht im Gesicht operiert worden.“ Trotz geschäftlichen Erfolgs über viele Jahrzehnte blieb er immer einfach und bescheiden, einen deftigen Schweinsbraten mit Knödel zog er einer hochdekorierten Tafel stets vor. Er war ein Chef ohne Vorzimmer, jedem und zu jeder Zeit stand die Tür offen, man konnte seine Belange und Probleme äußern und nach Möglichkeit, oft auch in finanzieller Not, wurde geholfen. Er verachtete übertriebene Aufmachung, aber auch Titelsucht und reagierte oft als „Generaldirektor“ angesprochen so: „Den General haben wir im Krieg verloren, den Direktor an den Zirkus verliehen; wir arbeiten.“ Im Jahr 1966 entschloss sich Hans Glas sicherlich zu seinem schwersten Schritt seines Lebens, in Absprache mit Sohn Andreas Glas, den Verkauf seines Lebenswerkes, der Hans Glas GmbH, an die BMW AG. Dies war wahrlich ein heroischer Entschluss mit großer Weitsicht, der die Arbeitsplätze sicherte und sogar viele weitere schuf. Dies gab der Stadt Dingolfing und der ganzen Region ein großes wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand. Die Hans Glas GmbH war einst Niederbayerns größtes Industrieunternehmen mit bis zu 4 500 Beschäftigten. Der wegen seines Humors und seiner urwüchsigen Art berühmte niederbayerische Unternehmer war Ehrenbürger der Stadt Dingolfing und des Marktes Pilsting, Inhaber des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland und des Bayerischen Verdienstordens sowie vieler weiterer hohen Auszeichnungen. Ein Denkmal gewidmet Auf seinen Wunsch hin wurde Hans Glas im Dezember 1969 im engsten Familienkreis begraben. 1990 wurde dem Ehrenbürger Hans Glas ein Denkmal von der Stadt Dingolfing gewidmet und auch im Industriemuseum kann man viele Exponate der Firma Glas besichtigen. Die Erinnerung an Hans Glas und sein Lebenswerk mit den vielen interessanten Produkten von der Sämaschine bis zum Glas V8 hält in der Region die GFG Goggo- und Glasfahrergemeinschaft Dingolfing mit über 150 Mitgliedern am Leben. Der Glas-Club International agiert weltweit und konnte bereits vor kurzem das 1 000. Mitglied begrüßen. Der Lebensweg von Hans Glas ist nachzulesen in dem kleinen Buch „Hans Glas – Ein niederbayerischer Industriepionier, Leben und Wirken, Anekdoten, Weisheiten und Aussprüche“ von Jürgen A. Kraxenberger, welches bei Skribo Wälischmiller in Dingolfing für zehn Euro käuflich zu erwerben ist oder kann auch direkt beim Autor Jürgen A. Kraxenberger, Telefon 08731/392970 oder E-Mail: info@carhistory.de bezogen werden.

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